Wir laden Sie ein zu einem Exkurs in künstlerische Erfahrungen des Menschseins. In ein Abenteuer das mehr (ent)hält als ein elektronisches Medium verspricht. Der Wunderblock öffnet das Werk des Künstlers Manfred Scharpf Schicht für Schicht. Eine wahre Heldenreise durch fünfzig Jahre der Selbstbehauptung in der Moderne.

Veröffentlicht am 18.11.2019

Blind Date mit Fortuna

Die Farben des Lebens
Die Werke von M.Scharpf gelten als Solitäre der Kunst. Viele schätzen sein meisterliches Spiel zwischen Vergangenheit, Tradition und der Moderne.
Wie für den Künstler bedeutet es auch für uns eine Weitung des Horizonts wenn wir unsere Dogmen und gewohnte Sichtweisen von Zeit zu Zeit verlassen. Wir könnten die glückliche Zone des Tanzes zwischen Spiel und Phantasie erfahren, das Einverständnis mit der Welt in ihrem ununterbrochenen Wandel – ohne ihn aus den Augen zu verlieren. Wir könnten erkennen wie sich die beiden so gegensätzlichen Landschaften von Verstand und Gefühl durchdringen und uns damit erst zu verantwortungsvollen Menschen mit dem gesamten Handlungspotential werden lassen.

Seit fünfzig Jahren arbeitet der Maler an seinem Opus Magnun über das pralle Leben und über die Wurzeln der Existenz. Bei vielen weckte er Hoffnung, andere bekreuzigten sich oder sie verfielen in Sprachlosigkeit. Und selbst heute noch sind manche seiner Zeitgenossen argwöhnisch gestimmt wenn man seinen Namen ausspricht. 
Das ist so recht nach seinem Geschmack, denn von Beginn an ist er das Sitzen zwischen den Stühlen der Beliebigkeit gewöhnt. In jüngster Zeit fand das Bekreuzigen ein vorläufiges Ende als ihn der Custos der weltgrößten Kunstsammlung, der Papst, auf schriftlichem Weg in sein Morgengebet einschloss. Für einen wie ihn, der beinahe jedes Tabu malerisch bearbeitete, zweifellos bemerkenswert. Doch beeindruckte es den Maler in seinen Zielen kaum – und das hat seinen Grund. 
Weder er selbst noch seine Kunst dient irgendwelchen vermeintlichen Herren, nicht dem Kunstmarkt, nicht politischen Ideologien oder anderen utopischen Geistverzerrungen. 

Was drängt uns heute mehr als sich für die Schöpfung einzusetzen. Die Konsequenz mit der der Maler synthetische Mittel in seiner Malerei ablehnt begann nicht mit der modischen Diskussion über den Zustand unseres Planeten, sondern bereits vor fünfzig Jahren. Gibt es etwas aktuelleres als sich für die Empathie einzusetzen, dem Bindemittel menschlichen Zusammenlebens wie er es oft auch gegen seine finanziellen Interessen tat? Gibt es etwas sinnvolleres als auf die ureigensten Fähigkeiten des Menschen aufmerksam zu machen wie sie des Malers Arbeiten eindeutig demonstrieren? Gibt es etwas wichtigeres als die positiven Errungenschaften und Erfahrungen der Vergangenheit mit den Erkenntnissen der Gegenwart in Einklang zu bringen und damit für eine lebenswerte Zukunft zu werben?

Selbstverantwortliches Denken und Handeln in Verbindung mit sicherer Intuition ist die Richtschnur – oder, um es gleich vorwegzunehmen – der Faden der Ariadne der ihn sicher geleitet. 
Die Stürme seiner Vita sieht er als Herausforderungen und Aufgaben, oft war sein Boot nahe des Kenterns, aber er setzte die Segel neu. Auch aus den dunkelsten Wolken strömten schließlich Lichtstrahlen, die Winde ließen nach, des Lebens Wellengang beruhigte sich und spiegelt bis heute in seiner glatten Fläche die Visionen die er in Bildern versucht auszudrücken. 

Nun, so fragt man sich, handelt es sich hier um die gewöhnliche Reifung und Einsicht eines fünfundsiebzigjährigen Altmeisters und Alchemisten? Hat er den Stein der Weisen gefunden? „Hat er“, meint er lachend. Wenn’s auch ein ganz Anderer war – und auch kein Stein!
Dieses „ganz Andere“ und Lästig – Mahnende für seine Zeitgenossen ist wohl des Malers unpopuläre Sichtweise, dass auch Fehler und Konflikte schöpferische Kräfte sind, die den Boden für Glück bereiten können. Wenn wir nur imstande wären sie als solche zu sehen und wirken zu lassen. 

Jetzt thematisiert der Maler das Geheimnis von Schicksal und Glück, die, einem unbekannten Urgrund der Existenz entstammend, vergleichbar sind mit dem dunklen Glück im Bauch der Mutter – oder der Schwärze im Zentrum der Sonne, die das Licht aussendet und die Farben der Welt erglühen lässt, wenn es auf uns Menschen trifft. Dunkelheit ist die schöpferische Voraussetzung und Wiege der Welt wie des Glücks. Wer sie nicht anerkennt wird niemals in den Genuss eines wirklich erfüllten Lebens kommen. 
Auch für den Maler war das Dunkle manchmal ein Grund zur Trauer aber doch nie zur Resignation. Wenn ihn früher manche als „Schwarzmaler“ bezeichneten, so fühlte er sich in guter Gesellschaft mit manchen seiner historischen Kollegen. Auch sie überwanden die Brüche ihrer Zeit indem sie aus der Vergangenheit schöpften und verstanden, sie in ihrem Werk mit der Gegenwart zu verbinden. Denn Meisterwerke entstehen immer aus einer komplexen Sicht der Welt. 

Unser Zeitalter ist eine Zeit der Ängste. Wir fürchten uns neuerdings schon vor der Furcht selbst, versuchen die Realität zu ignorieren und finden uns stattdessen in einer Scheinwelt des Guten wieder. Manche fühlen sich gefangen wie in einer Grube, in einer Höhle ohne Ausweg. Sie fürchten, sie würden nie herausfinden und die Wände stürzten über ihnen zusammen. Unsere Sensoren sind mit dem lichtundurchlässigen Schimmel unverdienter Bequemlichkeit überzogen. Wir sehen und nutzen unsere Begabungen und elementaren Fähigkeiten nicht mehr dazu, uns zu befreien. Die Verflachung unserer Kultur nehmen wir zur Kenntnis – und schweigen. Wir sehen auch nicht den Faden den Ariadne uns gelegt hat, der da vorn, gleich hinter der nächsten Biegung ins helle Licht führt. Ebenso ignorieren wir das Füllhorn Fortunas mit den Farben der Welt und huldigen stattdessen als „erwachsene Kinder“ einer falschen Buntheit. 
Etwas in uns sehnt sich nach dem Zustand eines Kindes der Schöpfung zurück das wir einmal waren. Aber wir kommen nicht weiter auf dieser Suche nach der Unschuld einstiger Natürlichkeit. Wir schaffen es lediglich bis zu kosmetischen Operationen, legen dickes Makeup auf unsere Defizite. Denn wir wollen auf nichts verzichten das uns diese Unschuld nahm. 
Es gab eine Zeit die weit zurückliegt, in dieser Zeit standen die Menschen mit beiden Beinen auf ebener irdener Fläche, fest verwurzelt und selbst der Sturm der Geschichte und die Stürme des Wandels reichten nicht aus um sie zu Fall zu bringen. Was sie unter sich fühlten war zur Realität geronnene Energie und diese fühlten sie durch ihren Körper strömen. Eine Energie des Gleichgewichts und der Verbundenheit mit allem was um sie war. Vom Standpunkt der ebenen Fläche konnte der Blick weit schweifen und schon vom weitem kündigte sich Unheil oder Freude an, so dass genug Zeit war abzuwehren oder willkommen zu heißen. 
Wo stehen wir heute – auf der rollenden Kugel Tyches, der Schicksalsgöttin. Die zuvor ebene Fläche krümmte sich zum Globus ohne ein Oben und Unten – und wir taumeln. Denn wir sind nicht mehr in der Balance.

Im jüngsten Zyklus des Malers der mit dem Motiv des weisen „ANONYMUS, DEM NOTAR DER SEELE“ schon vor Jahren begann, zeigt er uns den schöpferischen Grund des Lebens mit dem Reichtum seiner Pigmente. Diesmal begab er sich zu den Anfängen der Zivilisation, zu den Menschen der Eiszeit, des Gravettien in Pavlov, deren Spuren siebenundzwanzig Jahrtausende in tiefen Schichten Löss schlummerten. 
Warum dieser Ort? Wie bisher folgt der Maler seiner Aversion gegen das touristische Bekannte, Ausgetretene und kam wieder nach Pavlov, (knapp hinter dem eisernen Vorhang westlicher Ausblendung liegend), wo er schon vor Jahren seine Happenings zu Ehren der Mutter Erde veranstaltet hatte. Wie damals verbindet er das uralte archaische Wissen mit dem unserer Zeit und die Erden aus den Grabungen der Paläontologen auf seinen Bildern mit Motiven des JETZT. Dabei geht es ihm nicht um museale Fundstücke, sondern aus diesem kulturellen Erbe die wertvolle Botschaft herauszulesen die sie uns vermitteln könnte. Denn es ist deutlich geworden, dass ein ausschließlich auf Technokratie beruhendes Zeitalter einhergeht mit dem Verlust oder der Verringerung von manuellen, von kreativen und von empathischen Fähigkeiten, die den Menschen der Eiszeit noch selbstverständliche Mittel der Lebensbewältigung bedeuteten. In der Neuzeit wurden sie abgelöst von der machiavellischen Intelligenz des Wettbewerbs um jeden Preis. Dennoch, das Erbe des Gravettien mit seinen Fähigkeiten ist noch in uns und wartet darauf neu entdeckt zu werden. 

Blind Date mit Fortuna
Das Glück ein erfülltes Leben zu führen entspricht der Gestaltung eines Kunstwerkes. Und dies können wir uns zunutze machen. 
Ein glückliches Ereignis in der Kunst bedeutet, dass sich äußere Wahrnehmung mit innerer Bereitschaft trifft, wenn sich der Verstand mit dem Gefühl vermählt. 
Malerisch ausgedrückt heißt dies – die Wahrnehmung der Welt und ihrer Objekte, physisch oder psychisch, können wir mit der Farbe gelb, dem Licht der Sonne vergleichen, die Ratio mit der Farbe blau, das Gefühl mit der Farbe rot. Wir erhalten die drei Grundfarben, die wir zu einer unendlichen Vielfalt von Farbvariationen mischen können. Indem wir die Prinzipien von Hell und Dunkel hinzufügen erhalten wir Dreidimensionalität. Gelingt es, diese Ebenen im Werk oder in Lebenssituationen in idealer Weise zu vereinen, entsteht in uns ein tiefes Glücksgefühl, das oft sogar Krisen, sicher aber die Eintönigkeit des Alltags überwindet oder sie erträglich werden lässt. 

Für den Maler schließt sich wieder ein Kreis. Nun bildet er das ab was die Menschen immer bewegte und immer bewegen wird – das goldene Füllhorn der Fortuna und die Kugel der Schicksalsgöttin Tyche, auf der wir in einem Balanceakt von Verstand und Gefühl das Azurit des Himmels, mit der Farbe des Lebens, dem roten Ocker, vereinen können. 

Renata Scharpf Tejová, Oktober 2019