Wir laden Sie ein zu einem Exkurs in künstlerische Erfahrungen des Menschseins. In ein Abenteuer das mehr (ent)hält als ein elektronisches Medium verspricht. Der Wunderblock öffnet das Werk des Künstlers Manfred Scharpf Schicht für Schicht. Eine wahre Heldenreise durch fünfzig Jahre der Selbstbehauptung in der Moderne.

Veröffentlicht am 10.01.2022

Seidenstrasse

Was ist es, das die so unterschiedlichen Topographien, Klimazonen und Kulturen unserer Welt verbindet? Es ist der Mensch, der, so verschieden er auch sein mag, sich doch so verwandt ist in seinen vielfältigen Kulturen, die doch immer aus den Tiefen der Seele zu uns sprechen, zeigt. Dem ist der Zyklus der „SEIDENSTRSSE“ gewidmet.

Die Bilder des Zyklus „SEIDENSTRASSE“, entstanden im Laufe der vergangenen Jahre greifen das Motiv des Kulturtransfers auf den Erlebnisebenen des Äußeren, Geographischen, des Wissens, sowie auf der spirituellen und seelischen Ebene auf. Zunächst ist mit dem Begriff der „SEIDENSTRASSE“ die Verbindungslinie zwischen dem westlichsten Punkt europäischer Kultur der an den Atlantik grenzt und dem östlichsten Ufer Asiens, dem der Pazifik die Grenze setzt gemeint – die historische „SEIDENSTRASSE". Neue Wege zu gehen ist keine Errungenschaft der Moderne. Wissensdurstige beschritten sie seit tausenden von Jahren. Die Zentren europäischer Kultur sind uns allen bekannt. Allen voran Venedig und Florenz, Brennpunkte der Kunst die globale Beziehungen unterhielten. Aus China kamen nicht nur Nudeln, Teigtaschen und Seide, es kam auch der Pfeffer aus Indien, Lapislazuli, antike Maltechniken, Yoga und Kampftechniken – oder die Weisheit Asiens zu uns. Immer aber war es die Neugier oder die Not, die den ersten ursprünglichen Impuls zu erweiterter Welterfahrung bildete. Dass das erworbene Wissen oder die Schätze im Nachhinein von der Gier der Machtzentren genutzt oder missbraucht wurden ist allzu menschlich. Es ist für die meisten schwer zu verstehen, dass zur Wahrnehmung der Welt nicht nur die Vita Aktiva gehört sondern in einer Vita Kontemplativa ihren begrenzenden Gegenpol finden muss.

Das wohl berühmteste Gemälde der Welt, die Gioconda entstand durch die Hand Leonardos – das Pigment Lapislazuli für seine Werke kam aus Afghanistan, die klassische  Maltechnik hatte ihre Wurzel in den antiken Zentren Asiens und Nordafrikas. Auf meinen Reisen begegnete mir das Gesicht der Mona Lisa als Repräsentant westlicher Malerei immer wieder, ob auf den Straßen Europas oder in der Welt des Rotlichts. Den daraus entstandenen Bildern ist deshalb ein besonderer Teil des Zyklus gewidmet. Haltung und Hände des Meisterwerks von Leonardo habe ich dabei übernommen, in den Portraits selbst finden sich aber jetzt die Ethnien der „SEIDENSTRASSE“, dahinter verbergen sich aber auch gleichzeitig die seelischen Aggregatzustände und Verhaltensweisen der Menschen.

In Mähren fertigten die Jäger der Eiszeit Kunstwerke, welche die moderne Plastik vorwegnahmen – prägten damit einen eigenen Stilbegriff eiszeitlicher Kultur – das „Pavlovien“. Diese Kultur der Eiszeit reichte vom Atlantik bis Sibirien. Die Venusstatuetten mögen befremdlich und anders sein als Mona Lisa, aber im elementaren Sinne nicht weniger schön. Einer Anthropologin des mährischen Landesmuseums in Brünn verdanke ich eine Reihe von Bildideen über das archaische Leben vor 27.000 Jahren das für uns, den modernen Menschen viele aktuelle Aspekte enthält. Unzählige Beispiele belegen die Impulse und das Wissen, das über die „SEIDENSTRASSE“ zugänglich wurde. Kybele, eine matriarchalische Göttin Vorderasiens wurde bei den Römern zur Göttin der Fruchtbarkeit. Aus ihr entstand beim Konzil von Nicäa die christliche Maria. Der androgyne indische Gott Ardanarishvara nahm die abendländische Vorstellung vom ursprünglich ganzen Menschen vorweg und findet heute in der Philosophie der Gender seinen modernen Ausdruck. Die griechische Tragödie beherrscht mit ihren Mythen das gesamte Feld menschlichen Dramas und Glücks, gültig und aktuell damals wie heute.

Auch ich habe vieles auf Reisen erfahren, mein Bilderzyklus ist nicht zuletzt auch ein zu tiefst biographischer der ein Leben abbildet, dessen Brüche und Erkenntnisse, eine Lebensstrasse, der Maler oft auf Seide aber auch auf derber Jute gebettet. Auf einem Markt in Trivandrum erlebte ich die Herstellung roter Tempelfarbe aus Kurkuma und Kalk, männlich weibliche Repräsentanten der Materie. Ich habe das überirdische Licht gesehen das die Glasfenster von Saint Chapelle im Dunkel verbreiten. Vieles habe ich über die Menschen der Eiszeit erfahren, aber auch über meine eigenen Zeitgenossen. Ich habe die Bergungen abgestürzter Piloten des Krieges unterstützt und begleitet, habe in deren Überresten die Folgen kriegerischer Gewalt gesehen. Dies geschah unweit des Geburtsorts von Sigmund Freud, dem Erforscher  des Unbekannten, Unbewussten, der neben Goethe und eines gewissen Donatien d.S. seit Jahren einer meiner wichtigsten Vordenker ist. Ich war sorglos unterwegs in Bombays dunkelsten Vierteln auf der Suche nach Modellen und Motiven. Und in New York schlug mir anlässlich meiner Ausstellung hegemoniale Unterbelichtung entgegen. Doch ging ich aus diesen Erlebnissen in Tabuzonen der Anderswelt unbeschadet, aber reich an Lebensimpulsen hervor, vielleicht weil ich diese persönliche „SEIDENSTRASSE“ nie im Kontext mit dem allgemeinen Zeitgeist beschritt. Und jetzt erlebe ich, wie Angst und Unwissenheit sich mit Hilfe von Gier und elektronischer Vernetzungsmöglichkeiten zum Zerwürfnis – womöglich sogar zu neuer Barbarei zwischen den Menschen potenzieren lassen.

Wir wissen vom Pfad des Urmenschen, der sich von Afrika aus über die gesamte Welt bewegte. Wir kennen den Schimmer edler Seide, den Genuss der Gewürze aus Asien und Afrika, wir wissen von der blauen Höhle des Lapislazuli aus Afghanistan, das Leonardo und Frau Angelico in ihren Bildern zur Anwendung brachten. Wir analysieren Pigmente und Maltechniken, uns ist die Kunst unserer Vorfahren in den Höhlen, die der Ikonen, der Kalligraphie, der Künste die der Malerei vorausgingen und unser Leben mit der eigentlichen Charakteristika des Menschen bereicherte, bekannt. Kennen wir dies alles aber tatsächlich? Haben wir Mona Lisa im Louvre mit unserem inneren Auge tatsächlich gesehen? Sehen wir die Meisterwerke in Museen, eiszeitlichen Höhlen, Kirchen und Palästen wirklich? Oder findet deren Betrachtung nur noch in unserem Smartphone statt? Erleben wir überhaupt unser Leben? Da beherrscht aus meiner Erfahrung eine Wüste das Feld, eine Wüste ohne Empfindsamkeit.

Wir wissen um die existentiellen Wege unserer Berührung mit der Schöpfung. Wir wissen wie wichtig es ist sie neu zu entdecken. Es sind nicht die ausgetretenen Pfade die unsere Zukunft sichern und unseren Horizont erweitern, sondern jene die erst wieder entdeckt werden müssen. Wege, die wir im Gewirr der globalen Straßen nicht mehr finden, weil wir zuweilen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Es sind Wege die sich vielleicht materiell nicht lohnen und keinen spontanen Gewinn versprechen. Wege die verschüttet wurden und erst wieder erinnert werden müssen. Die alte „SEIDENSTRASSE“ ist einer davon. In meinem Arbeitskonzept steht sie als ein Aspekt unter vielen für die Wanderung des Menschen zu sich selbst – zu Anderen und zum Fremden. Es erinnert vielleicht manche an das Beschreiten von Wegen, die weiter reichen als nur Entfernungen zu überwinden. Es sind die Straßen auf denen unsere Kultur beruht, die Straße der Entdeckungen, Erfindungen und Selbstfindungen, die der Mensch aus Not oder auf der Suche nach einem besseren Leben, aus Neugier oder auf der Suche nach dem Schönen, der Faszination des Fremden, nach dem noch Unentdeckten bewanderte. Dabei dürfen wir nicht außer Acht lassen dass auch Konflikte, Kriege und Krisen, die wir reflexhaft ausschließlich negativ interpretieren, Verbindungen schufen – der Mensch ist in der Lage auch Hass zu transformierten, ihn in kreative Leistung und Empathie zu verwandeln. Viele Erfindungen verdanken wir den Kriegen, diesen katastrophalen Phasen der Geschichte, viele Kenntnisse erwarben die Völker durch Gewaltakte indem sie diese später in humanitäre Leistungen transformierten. Im Frieden zeigt sich der Mensch weniger kreativ als bequem, das größte Geschenk an den Menschen, wenn auch das dürrste Ästchen am Baum der Erkenntnis – der Verstand – wird zumeist erst durch Konflikte aktiviert. Das Motiv der „SEIDENSTRASSE“ ist deswegen auch eine Geschichte der Herausforderungen.

Aus den Wanderungen einzelner Individualisten und Sucher sind globale Bewegungen der Masse geworden. Doch lässt jede Entdeckung auch Kolonisierung, Ausbeutung und Missbrauch folgen, wenn nicht analog auch eine Wanderung und damit Wandlung in uns selbst stattfindet. Ohne eine solche finden wir uns wieder als ins Leben geworfene, ohne Orientierung den eigenen Einflüsterungen und äußeren Mächten ausgeliefert. Friedliche Wanderungen mutieren dann zu Heerzügen, gleich ob mit Waffen oder Geldautomaten. Wir entdecken vielleicht aber auch, dass äußere und innere Reisen sich gegenseitig bedingen wenn wir dem Anspruch des Menschseins gerecht werden wollen, das Geheimnis, das Mysterium unserer Existenz zu entdecken und zu ergründen.

Resümee

Auf der „SEIDENSTRASSE“ meines Lebens wählte ich den Weg der Kunst und beschritt damit den schmalen Pfad in dem Intuition und Intellekt sich idealerweise vereinten und mir die Richtung wiesen. Damit begegnete ich aber auch vielem Guten wie Schlechtem, polare Kräfte alles Lebendigen die ich als Plus und Minus auf meiner Wanderschaft zu schätzen gelernt hatte. Oft hing das Glück an „seidenem Faden“ auf dieser Straße des Lebens. Doch lernte ich zu verstehen, dass wir Irrwege fatalerweise oft negativ interpretieren, wir verstehen nicht, dass sich gerade aus ihnen die wesentlichsten Erfahrungen bilden aus denen der Reichtum des Lebens entstehen kann. In dem von mir gewählten Weg den ich hier mit der Metapher „SEIDENSTRASSE“ umschreibe, ist mir die Möglichkeit gegeben, die Zustände des Menschseins auszudrücken, so wie ich sie als einer unter vielen am eigenen Leib erfahren durfte, auf meiner Wanderschaft über die Straße des Lebens.

Januar 2021