Beinahe alle Fragen die uns heute brennend bewegen – in Gesellschaft und Kultur, in Politik oder Natur münden in ein Thema – die Entfremdung von uns selbst. Wo ist sie hin, die Muße, die einmal den Spielraum für den Dialog sowohl mit unserer eigenen als auch mit der Seele unserer Mitmenschen bildete? Warum sind wir uns so fremd, warum fürchten wir das Fremde? Im Juni 2017 begegneten sich zwei Künstler am Fuß des Montmartre – der süddeutsche Altmeister M.Scharpf und der junge afrikastämmige Graffitikünstler Den End. Aus ihrer gegenseitigen Fremdheit – aber auch Faszination entwickelte sich die Idee ein gemeinsames Werk zu schaffen, mit ihm das Schöpferische im Fremden aufzuspüren und zu dokumentieren. weiter lesen...
1945 – nach dem Wunsch meiner Mutter sollte ich ein Mädchen werden. Alte Fotos zeigen mich als solches verkleidet. Das ging gründlich schief und verursachte einige Verwerfungen auf dem Weg zum Erwachsenen.
Mit zwölf begann ich – zur Verwunderung meiner Eltern, Bachs Kunst der Fuge und Monteverdi´s Orfeo zu hören. Mit sechzehn las ich Dantes Inferno. Danach de Sades Justine, mehr aus Angst vor Entdeckung als aus Pietät verkrochen unter der Bettdecke. Solche Ängste gingen erst später den Bach runter. Das Werk de Sades, nicht gerade lustbeflügelnd, sondern eher das krasse Gegenteil, hatte einer meiner Klassenkameraden aus dem Schrank seines Vaters, eines Altphilologen entwendet und verlieh es an seine Mitschüler gegen Entgelt. Zuerst schockiert, dann fasziniert. Da hatte doch Einer am Ende des 18.Jhdts. den Mut, die Abgründe der menschlichen Seele abzubilden, wie sie sich sonst nur in Kriegszeiten demaskieren. Er, de Sade, dessen Name für eine Pathologie der Perversion herhalten muss, von dem seltsamerweise aber kaum persönliche Abartigkeiten bekannt sind – hatte den Zustand der gesellschaftlichen Elite (der unseren nicht unähnlich), am Vorabend der französischen Revolution beschrieben. Eine Zeit des Umbruchs war gekommen. Zur Zeitenwende vom 19. zum 20. Jhdt. verliehen die Forscher Krafft-Ebing und Sigmund Freud den von de Sade beschriebenen Grotesken ein psychologisches Gesicht. Trotz dieser Erkenntnisse kam es zur größten Katastrophe seit Menschengedenken.
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